Karin Weber

Małgorzata Chodakowska hat als Bildhauerin inmitten vieler Unsicherheiten eine Sicherheit erreicht, die sich aus der Konzessionslosigkeit ihres Werkes herleitet. Ihr Material ist das Holz entwurzelter Bäume. Den lebendigen Holzmaserungen spürt sie nach und schält Span für Span aus den Stämmen von Linde, Birne, Kirsche, Eiche überlebensgroße Figurationen heraus, neorealistische Akte, Gewandfiguren und Büsten – und zwar so, als würde sich das Holz häuten, als würde das Innen nach Außen gewendet. Die Figurationen sind demzufolge aus dem Holz gewachsen wie der Baum aus der Erde wuchs, und sie sind verwurzelt mit der Künstlerin, mit ihren Träumen; ihren Vorstellungen und Ansprüchen, ihrem Selbstverständnis und ihrer Selbsterfahrung. Hinter den hoch aufschäumenden Tagesleidenschaften, die mitunter die Augen verkleistern, sieht sie, die Künstlerin, was Menschen immer betrifft und anrührt, die zeitlose Schönheit einer Menschwerdung. Ihre Arbeiten sind ein romantisches Phänomen in unserer Gegenwart, da Schönheit als Unart im Namen der Modernität von zahlreichen Künstlern abgelehnt wird. Was ein großer Irrtum ist, den Schönheit ist ein Urbedürfnis der Menschheit.
Die sinnlichen Oberflächen der Holzskulpturen von Małgorzata Chodakowska ziehen die Fingerspitzen ihrer Betrachter zwanghaft an. Man möchte berühren, man muss berühren, in der Hoffnung, dass ein Pulsschlag – wider jeglicher Vernunft – spürbar wird. Das Sichtbare scheint aus dem Berührbaren geschnitzt. Die Skulpturen sind so real, wie sie irreal sind. Das ruft Irritationen hervor, ein sprachloses Staunen, das in Bewunderung gipfelt. Der Nähe von Handgreiflichkeiten folgt dann schließlich die Distanz des Nachdenkens, eines konzentrierten Schauens. Man bemerkt, wie Licht und Schatten die Gesichter und Körper nachmodellieren, und man gewinnt letztlich den Eindruck, dass diese zarten, zerbrechlichen wie stolzen jugendlichen Körper nur für den Augenblick der Konzentration und Meditation spannungsvoll unbewegt innehalten – es ist der Moment zwischen ihrem letzten Gedanken und der nächsten Handlung. Was würde man dafür geben, diese Gedanken zu erfahren. Zuweilen ist die Schönheit der Körper unerträglich. Die sinnliche Größe ist Herausforderung wie Provokation zugleich. Weibliche Körper erscheinen makellos ebenmäßig, keusch und erotisch. Man gewinnt den Eindruck, sie gehörten engelsgleichen Göttinen, deren Botschaft Lebens- und Sinnesfreude ist. Diese sogenannten „Stammfrauen“ sind vielstimmige, zeitgenössische Eva-Bilder, denen Adam-Bilder gegenübergestellt sind. Sie verkörpern die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Irgendwie erinnert mich eine Nottat Giacomettis an Małgorzata Chodakowska: „Gewiss mache ich Plastiken, und das seit jeher, um die Wirklichkeit zu fassen zu kriegen, um mich zu verteidigen, um mich zu nähren und zu wachsen; zu wachsen, um kräftiger zu werden, um so frei wie möglich zu sein, um zu versuchen, was mich umgibt, besser zu sehen und zu verstehen, um mich zu verausgaben, um mein Abendteuer zu wagen, um neue Welten zu entdecken, um meinen eigenen Kampf zu führen, aus Spaß? Aus Freude?, am Kampf, aus Spaß am Gewinnen und Verlieren.“

Ohne sich von modischen Kunstereignissen aus der Bahn werfen zu lassen, schöpft die Bildhauerin aus dem zeitlosen Reich ästhetischer Erfahrungen. Die Figurationen tragen in den meisten Fällen eng anliegende Kleidung, deren plastische Umsetzung dem sogenannten „nassen Stil“ der griechischen Antike entspricht. Gotisches Formenvokabular ist nachvollziehbar in der Bearbeitung der Gesichter, der langgliedrigen Hände oder der S-Form gar mancher Körper. Die Figurationen posieren in klassischer Standbein-Spielbein-Stellung. Andererseits findet man Anklänge an altägyptische Kunst, was nicht wundert, denn die Künstlerin verarbeitet auch ihre Reiseerlebnisse. Im Jahr 2000 weilte sie in Kambodscha. Sie war beeindruckt von den in Stein gehauenen Tempeltänzerinnen der Khmer-Kunst, von diesen traumhaften Reliefs einer ekstatischen Körperlichkeit, die mit bösen und guten Mächten in Einklang stehen. Eine Ausstellung in der Stadtgalerie in Radebeul betitelte sie dem zu Folge im Jahre 2001 mit dem Wort „Tempeltänzerinnen“. Angeregt durch einen Besuch des Freiberger Doms hatte sie sich bereit vorher mit dem altbiblischen Thema der klugen und törichten Jungfrau auseinandergesetzt, wobei es letztlich für sie uninteressant war, welche der weiblichen Holzskulpturen als klug oder töricht zu identifizieren waren. Ihre Skulpturen selber zeichnet jedoch keine äußere Ekstase aus, nur ein Hauch von Bewegung lässt sich ausmachen, letztlich ein inneres Gespanntsein, das die Bewegung im nächsten Moment auslösen könnte, wie man es bei der „Tänzerin in Schwarz“ wahrzunehmen vermeint.
Die „Tänzerin in Weiß“ entstand übrigens in Anlehnung an die „Balletttänzerin“ von Edgar Degas. In einem Gepräch sagte Małgorzata Chodakowska, dass ihre große Liebe dem modernen Ausdruckstanz gilt und für sie der Tempel die Seele sei, die im Körper wohnt und diesen charaktervoll ausprägt. Malgorzata Chodakowska ist kein Mensch von großen Worten. Sie verweist mit Charme auf ihre plastischen Bildungen: „Ich bin genusssüchtig, deshalb schnitze ich schöne Menschen.“
Innere und äußere Sphäre. Zwei verschiedene Aspekte unseres Lebens. Die innere ist die private, vielschichtige und letztendlich rätselhafte Realität Die äußere ein Bild, das wir anderen zur Schau stellen. Małgorzata Chodakowska inszeniert die Zurschaustellung ihrer hölzernen Solitäre immer in einem räumlichen Ritual, denn Raum verwandelt sich mit der Anwesenheit der Holzskulpturen, deren Aura Spiritualität und Meditation impliziert und im gewissen Sinne sogar eine Unberührbarkeit in ihrer körperlichen Grandezza und inneren Entrücktheit. Die Augen der Figuren sind leicht geschlossen oder sie schauen mit weit geöffneten Augen durch den Betrachter hindurch, Lichtjahre von ihm entfernt. Sie verbergen ihr Innenleben. Der „Mann mit violetter Mütze“ ist ein Mann mit gebrochenem Herzen, der an die Form frührenaissancistischer Büsten erinnert, wobei das Hauptaugenmerk auf der Gestaltung des Gesichtes und der leicht diagonalen Bewegung des Halses liegt. „Die Büste im grauen Pulli“ hebt die linke Hand grüßend wie segnend. Die „Stammfrau mit schwarzer Strumpfhose“, die sich ihr elastisch wirkendes Kleid bis über die Nasenspitze zieht, besitzt eine Zwillingsschwester, nämlich die Stammfrau mit weißem Hemd. Beide Skulpturen wurden aus dem Stamm eines 200jährigen Tulpenbaumes gearbeitet, und beide Skulpturen sind auch die bislang bewegtesten. Die Stofflichkeit der Kleidung ist brillant aus dem Holz herausgearbeitet worden. und der „Portugiesische Schönling“, der selbstbewusst seinen Körper zur Schau stellt, ist wohl ein Adonis. Eine sinnliche Provokation stellt die androgyn kraftvolle Frauenfigur des „David“ dar. Es ist dies eine ganz eigene bildnerische Interpretation des legendären „David“ von Michelangelo. Die Haltung lehnt sich zwar formal an die GestaIt des klassischen Vorbilds an, doch der „David“ der Künstlerin — hochhackig beschuht — kämpft in sich ruhend mit ganz anderen Waffen.

Małgorzata Chodakowska erweist sich als eine gute Beobachterin. Die Physiognomien sind nicht nach dem Modell gearbeitet. Die Künstlerin trägt somit das Formenvokabular in sich, das sie mit Virtuosität dem Holz einverleibt Abschließend bemalt sie ihre Holzfiguren mit Acrylfarben, betont vor allem das Gesicht und die Gewänder. Einige Figuren werden mit einem Abschlußfirnis, einem Gemisch aus Bienenwachs, Terpentin und Leinöl, überzogen, welches die Holzmaserungen stärker zum Ausdruck kommen lässt. Mit der Zeit und Reife schließt die Künstlerin nicht aus, dass sie auch das Altern in Plastiken interessieren wird, die angesiedelt sein werden zwischen Kreuzigung und Auferstehung. Und damit würde sich der Kreislauf von Werden, Wachsen und Vergehen im Werk der Künstlerin schließen, was sich im gewissen Sinne bereits in der sogenannten „Air-Bag-Madonna“ abzeichnet‚ einer herausragenden Arbeit, die in der klassizistischen Kapelle des Pillnitzer Schlosses zu sehen war.

Małgorzata Chodakowska wurde 1965 in Łódź geboren. Sie studierte Bildhauerei an den Kunstakademien in Warschau und Wien. Seit 1991 lebt sie in Dresden gemeinsam mit ihrem Mann, dem bekannten sächsischen Ökowinzer Klaus Zimmerling, dessen langhalsige, schmale Weinflaschen in jedem Jahr Etiketten mit der Abbildung einer Holzskulptur von Małgorzata Chodakowska zieren. Sie ist eine Magierin, die die Betrachte ihrer Kunstwerke verzaubert. Kunst macht glücklich! Angesichts der Arbeiten kann man es erfahren.